Noten für Ärzte im Web: Zwiespältige Ergebnisse

Portale zum Suchen und Bewerten von Ärzten in der Kritik. Von Alfred Krüger

Patienten bewerten Ärzte im Web: Für Leistung und Erscheinungsbild, für Personal und Praxisführung können User Noten oder Sternchen verteilen. Die Portalbetreiber wollen so bei der Arztwahl helfen - eine Studie gibt ihnen selber aber schlechte Noten.

Was muss das für ein Zahnarzt sein! Sein Erscheinungsbild bekommt die Note 5. Seine Leistungen als Arzt werden mit mangelhaft bewertet - ebenso die Hilfsbereitschaft seines Praxispersonals. Organisation und Service?
Ausreichend - wahrscheinlich knapp erreicht. Gesamtnote laut "Topmedic", einem deutschen Ärztebewertungsportal: ein sattes Mangelhaft. Was also muss das für ein Zahnarzt sein?

Ein Arzt - zwei Portale - zwei Meinungen
"Ein sehr guter Zahnarzt", meint Lisa52 (Name geändert). Sie hat denselben Zahnarzt bewertet, dessen Praxis bei "Topmedic" eine glatte Fünf bekam - allerdings auf einem anderen Bewertungsportal (Links zu verschiedenen solchen Portalen siehe rechte Spalte). Dr. S. habe ihr die Angst vor dem Zahnarzt genommen, schreibt Lisa52 in ihrer Bewertung.
"Seine Helferinnen sind zuvorkommend und hilfsbereit." Kann es für einen Zahnarzt eigentlich ein besseres Zeugnis geben? Lisas Wertung: Fünf Sterne für den tollen Arzt.

Derselbe Arzt - zwei völlig gegensätzliche Meinungen auf zwei verschiedenen Webportalen, die im Stil des Mitmachwebs Tipps zur Suche des "richtigen"
Arztes geben wollen. Beide Mitmachportale setzen auf die sogenannte "Weisheit der Massen". Das bedeutet: Wenn nur genügend Patienten ihre Meinung über einen Arzt in die Bewertungsformulare tippen, dann wird man schon zu einem "richtigen" Gesamtbild von den Qualitäten dieses Arztes kommen.

Krankheit namens Nutzermangel
Ein hilfreicher Service, könnte man meinen. Wer einen Facharzt konsultieren möchte oder nach einem Umzug einen neuen Hausarzt sucht, der könnte bei den Bewertungsportalen im Internet den passenden Doktor finden. Doch viele Webportale, die einen solchen Service anbieten, leiden unter einer Krankheit, die man Nutzermangel nennen könnte. "Erst wenn ein großer Teil der Ärzte mittels einer aussagekräftigeren Bewertung eine höhere Anzahl an Bewertungen aufweist, wird sich der Nutzen der Portale erhöhen", heißt es in einer kürzlich veröffentlichten Studie des Lehrstuhls für Gesundheitsmanagement der Friedrich-Alexander-Universität in Nürnberg-Erlangen.

"Zweifellos hat der Patient ein Anrecht darauf, sich bestmöglich behandeln zu lassen und sich über die Qualität der Behandlung im Vorfeld zu informieren", sagte Günter Ollenschläger vom Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin kürzlich im "Rheinischen Ärzteblatt". Doch anonyme Bewertungsfragebögen als Grundlage für Rankings zu nutzen, sei nicht statthaft, meint der Mediziner. Bei einem solchen Verfahren könne niemand nachverfolgen, wer welche Bewertung aus welchem Grunde abgibt. Der Nutzer muss bei vielen Portalen lediglich versichern, vom bewerteten Arzt auch tatsächlich behandelt worden zu sein und nicht selbst der Bewertete zu sein.

"Rachebewertungen möglich"
Die Bewerter bleiben somit in der Regel anonym. Sie müssen ihre Identität nicht preisgeben. Die bewerteten Ärzte werden jedoch mit Namen und Praxisanschrift genannt. Rachebewertungen könnten damit Tür und Tor geöffnet werden, sagen Kritiker. Schließlich gibt es immer einen ehemaligen Patienten, der meint, mit seinem Arzt noch eine Rechnung offen zu haben.
Bewertungsportale wie "DocInsider" oder "Mein-guter-arzt.de" würden sich unzufriedenen Patienten als willkommene Foren anbieten, um ihrem Ärger Luft zu machen. Der bewertete Arzt habe "keine Möglichkeit, auf Kritik zu reagieren und Missverständnisse richtigzustellen", heißt es im "Rheinischen Ärzteblatt".

Die Portalbetreiber möchten solche Einwände nicht gelten lassen. "Sobald uns Missbrauchsmeldungen zu einem Beitrag bekannt werden, wird dieser geblockt", sagen die Betreiber der Bewertungsseite "DocInsider", die Ende Oktober 2007 online ging. Die Betreiber versprechen Transparenz.
"Bevor wir weitere Entscheidungen treffen, hören wir uns beide Seiten genau an. Erst nach einer intensiven Diskussion im Team, mit dem Arzt und dem Nutzer (...) wird die endgültige Entscheidung getroffen." Man strebe eine für beide Seiten "faire Diskussion" an.

Unausgereift und manipulierbar
"Der Gefahr eines Missbrauchs ist bisher noch nicht ausreichend begegnet worden" sagen dagegen die Medizinforscher von der Friedrich-Alexander-Uni in Nürnberg-Erlangen. Sie haben fünfzehn deutsche Bewertungsportale im Internet entdeckt und die Bewertungssysteme von drei Portalen exemplarisch auf Herz und Nieren geprüft. Ihre Ergebnisse klingen ernüchternd: "Die Bewertungsverfahren der Portale sind nicht ausgereift genug, um der Komplexität einer Arzt-Bewertung gerecht zu werden."

Zudem sei es schon mit einfachen Mitteln möglich, die Bewertungssysteme zu manipulieren, sagen die Forscher. Wer sich bei einem dieser Portale registrieren lassen möchte, muss lediglich eine gültige E-Mail-Adresse angeben, an die anschließend eine Bestätigungsmail geschickt wird. Damit möchte man verhindern, dass ein Nutzer einen Arzt gleich mehrfach bewertet.
"Eine Maßnahme, die allerdings nicht ausreichend ist", meinen die Medizinforscher aus Erlangen-Nürnberg.

"Ein einigermaßen geübter Internet-Nutzer kann sich leicht mit verschiedenen E-Mail-Adressen bei einem der Portale mehrere Benutzerkonten anlegen und somit mehrere Beurteilungen für einen Arzt abgeben", so die Forschergruppe. Ihr Fazit: Die untersuchten Portale gingen zwar grundsätzlich in die richtige Richtung, "um Patienten bei der Suche nach einem guten Arzt behilflich zu sein". Sie seien allerdings noch nicht ausgereift genug, "um wirklich höheren Ansprüchen zu genügen".

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Letzte Aktualisierung: 02.03.2010

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