Häufigkeiten von unerwünschten Ereignissen

Stationärer Bereich


Die Harvard Medical Practice Study (1991) von Brennan und Leape untersuchte retrospektiv rund 30.000 Patientenakten von 1984 aus 51 Akutkrankenhäusern im Bundsstaat New York. Dabei fanden sich bei 3,7% der Patienten unerwünschte Ereignisse im Rahmen der medizinischen Behandlung. 58% dieser Ereignisse beinhalteten einen oder mehrere Fehler und galten somit als vermeidbar; 28% der Ereignisse wurden als Sorgfaltspflichtverletzung klassifiziert. (Brennan et al., 1991:370-6)
Eine weitere Studie aus Utah und Colorado zeigte mittels der gleichen Methode 2,9% unerwünschte Ereignisse von denen rund 53% vermeidbar und 30% mit einer Sorgfaltspflichtverletzung behaftet waren. (Thomas et al., 2000:261-71)

Weitere internationale Studien in England (Vincent, Neale, and Woloshynowych, 2001:517-9): 10,8% unerwünschte Ereignisse, 52% vermeidbar; Baba-Akbari Sari et al 2007 (Sari et al., 2007:434-9): 8,7% unerwünschte Ereignisse, 31% vermeidbar) und Australien (Wilson et al., 1995:458-71): 16,6% unerwünschte Ereignisse, 51% vermeidbar) kamen sogar zu höheren Ergebnissen, welche zum Teil auf eine unterschiedliche Studienmethodik zurückzuführen war.

Aus den Ergebnissen der Studien von Brennan, Leape und Thomas extrapoliert das Institute of Medicine in dem Bericht "To err is human" (Kohn et al., 2000), dass jährlich 44.000 bis 98.000 Todesfälle in US-amerikanischen Kliniken vermeidbar wären.

Für Deutschland fehlt bisher eine Studie nach Art der Harvard Medical Practice Study. Eine systematische Übersichtsarbeit (von 151 internationalen Studien) des Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) zeigte Häufigkeiten vermeidbarer unerwünschter Ereignisse (VUE) zwischen 0,1% und 10%. (Schrappe et al., 2007)

Diese große Streuung liegt unter anderem an den unterschiedlichen Methoden und Größen der Studien und daran, dass die eindeutige Identifikation von VUE methodische Schwierigkeiten bereitet. Aufgrund einer Subgruppenanalyse der Studien geht das APS von einer geschätzten Mortalitätsrate durch vermeidbare unerwünschte Ereignisse bei Krankenhauspatienten in Deutschland von 0,1% aus. Bei 17 Millionen Krankenhauspatienten in Deutschland entspräche dies 17.000 Todesfällen pro Jahr. (Schrappe et al., 2007)

 

Ambulanter Bereich


Die Datenlage zu unerwünschten Ereignissen und vermeidbaren unerwünschten Ereignissen in der ambulanten Versorgung ist unzureichend und Rückschlüsse aus den Daten der stationären Versorgung sind aufgrund der Strukturunterschiede problematisch. Wenige Studien haben sich bislang mit der Erhebung quantifizierbarer Daten beschäftigt und diese variieren stark bezüglich der verwendeten Definitionen, Methoden und Klassifikationen.

  • Ein Review fasst elf Studien mit z. T. unterschiedlichen Ereignisdefinitionen und Methoden der Datenerhebung zusammen und kommt zu folgendem Ergebnis: In 5 bis 80 von 100.000 Konsultationen treten Ereignisse in der Versorgung auf, die Patienten geschädigt haben oder hätten schädigen können.
    (Sandars and Esmail, 2003:231-6)
  • In einer australischen Studie waren 86 repräsentativ ausgewählte Allgemeinmediziner aufgefordert worden, 12 Monate lang kritische Ereignisse in der eigenen Praxis anonym zu berichten. Dabei zeigte sich eine Berichtsrate von circa zwei Ereignissen pro 1000 behandelte Patienten pro Jahr. (Makeham et al., 2006:95-8)
  • Eine Studie, welche auf einer Patientenbefragung über unerwünschte Ereignisse im Zusammenhang mit Medikamenten basierte zeigte, dass 25% der Patienten ein solches UE erlebt hatten. Von diesen Ereignissen wurden 11% als vermeidbar eingestuft. (Gandhi et al. 2003:1556-64)

 


Quellen

  1. Brennan TA, Leape LL, Laird NM, et al. Incidence of adverse events and negligence in hospitalized patients. Results of the Harvard Medical Practice Study I.
    N Engl J Med 1991;324(6):370-6.
  2. Gandhi TK, Weingart SN, Borus J, et al. Adverse drug events in ambulatory care.
    N Engl J Med 2003; 348(16):1556-64.
  3. Kohn LT, Janet MC, Molla SD. To Err Is Human. Building a Safer Health System.
    Washington: National Academy Pr., 2000.
  4. Makeham MA,  Kidd MR, Saltman DC, et al. The Threats to Australian Patient Safety (TAPS) study: incidence of reported errors in general practice.
    Med J Aust 2006;185(2):95-8.
  5. Sandars J, Esmail A. The frequency and nature of medical error in primary care: understanding the diversity across studies.
    Fam Pract 2003;20(3):231-6.
  6. Sari AB,  Sheldon TA, Cracknell A, et al. Extent, nature and consequences of adverse events: results of a retrospective casenote review in a large NHS hospital.
    Qual Saf Health Care 2007;16(6):434-9.
  7. Schrappe M, Lessing C, Albers B, et al. Agenda Patientensicherheit 2007.
    Witten: Aktionsbündnis Patientensicherheit, 2007.
  8. Thomas EJ, Studdert DM, Burstin HR, et al. Incidence and types of adverse events and negligent care in Utah and Colorado.
    Med Care 2000;38(3):261-71.
  9. Vincent C, Neale G, Woloshynowych, M. Adverse events in British hospitals: preliminary retrospective record review.
    BMJ 2001;322(7285):517-9.
  10. Wilson RM, Runciman WB, Gibberd RW, et al. The Quality in Australian Health Care Study.
    Med J Aust 1995;163(9):458-71.

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zuletzt verändert: 25.08.2015 12:14