Kontroverse Diskussion der erhobenen Daten

Seit der Veröffentlichung des Berichts "To Err is Human" durch das IOM (Kohn et al., 2000) besteht eine rege und zum Teil hitzige Kontroverse um die tatsächliche Frequenz von vermeidbaren unerwünschten Ereignissen in der Gesundheitsversorgung. (Leape, 2000:95-7Hayward and Hofer, 2001:415-20; Hofer, Kerr and Hayward, 2000:261-9; McDonald, Weiner and Hui, 2000:93-5).

In Anbetracht der methodischen Schwierigkeiten, alle vermeidbaren unerwünschten Ereignisse zuverlässig und vollständig zu erheben, ist jedoch auch in Zukunft nicht mit endgültigen Zahlen zur Häufigkeit von unerwünschten Ereignissen zu rechnen.

Schwierigkeiten bei der Erhebung von Frequenzen von unerwünschten Ereignissen (UE):

  1. Die Erhebung unerwünschter Ereignisse bereitet Schwierigkeiten. Jede Methode (z. B. retrospektiver oder prospektiver chart review, freiwilliges Berichten, beobachtende Teilnahme, Verfahren bei den Schlichtungsstellen, Routinedaten) kann meist nur einen Ausschnitt aller UE entdecken.
    • Bei einer retrospektiven Untersuchung von Patientenakten im Krankenhaus (chart review) können nur solche Ereignisse entdeckt werden, die noch im Krankenhaus auftreten, bemerkt und dokumentiert werden.
    • Im Rahmen von freiwilligen Berichtssystemen werden die im Gesundheitswesen Tätigen nur solche Ereignisse berichten, die Ihnen selbst bewusst werden und die sie außerdem berichten möchten.
    • Bei der Untersuchung von juristischen Klagen bezüglich vermuteter unerwünschter Ereignisse stellt sich der sogenannte "litigation gap" ein. Dieser beschreibt die Diskrepanz zwischen der Anzahl tatsächlich stattgefundener unerwünschter Ereignisse und der Anzahl angestrebter Klagen. Nur ein Bruchteil der Patienten, die ein unerwünschtes Ereignis im Rahmen der Gesundheitsversorgung erleiden, strengt tatsächlich eine Klage an. (Studdert et al., 2000:250-60)
  2. Die Beurteilung der gefundenen Ereignisse (vermeidbar oder unvermeidbar) beinhaltet – trotz aller Standardisierungsversuche – auch die subjektive Einschätzung des Reviewers (Hayward and Hofer, 2001:415-20), denn die vorliegenden Daten (z. B. Krankenakten) sind nicht immer eindeutig und verlangen Interpretation.
  3. Das Problem des "hindsight bias" tritt bei allen retrospektiven Methoden auf. Im Nachhinein – wenn man ein schwerwiegendes Ergebnis eines Ereignisses bereits kennt – tendiert man dazu, Kausalitäten und "offensichtliche" Handlungsnotwenigkeiten innerhalb des Ereignisablaufs zu erkennen, die möglicherweise so nicht zutreffend sind. Verkürzt kann man das Problem des "hindsight bias" auch als "Im Nachinhein weiss man alles besser" beschreiben.

Literatur

  1. Hayward RA, Hofer TP. Estimating hospital deaths due to medical errors: preventability is in the eye of the reviewer. JAMA 2001;284(4):415-20.
  2. Hofer TP, Kerr EA, Hayward RA. What is an error? Eff Clin Pract 2000;3(6):261-9.
  3. Kohn LT, et al. To Err Is Human. Building a Safer Health System. Washington: National Academy Pr., 2000.
  4. Leape LL. Institute of Medicine medical error figures are not exaggerated. JAMA 2000;284(1):95-7.
  5. McDonald CJ, Weiner M, Hui SL. Deaths due to medical errors are exaggerated in Institute of Medicine report. JAMA 2000;284(1):93-5.
  6. Studdert DM, et al. Negligent care and malpractice claiming behavior in Utah and Colorado. Med Care 2000;38(3):250-60.

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zuletzt verändert: 14.08.2015 11:27